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Ai Weiwei: Untitled (Golden Handcuffs, Surveillance Cameras and Twitter Birds) Wallpaper (flickr.com)

Macht durch Überwachung

Wie meine Kollegin Salome in diesem Artikel möchte auch ich ein kurzes Resumée über meine bisherige Auseinandersetzung mit dem Blogthema ziehen, sowie einen Blick in die Zukunft wagen. Am Schluss meiner Gedankengänge gelange ich zur Frage: Wer wird zukünftig die (noch) demokratischen Staaten unserer Erde regieren?

Es gibt Staaten wie die Schweiz, die offiziell nur zur Bekämpfung von Terror und generell zum Wohle der Bevölkerung alle Menschen (Vorratsdatenspeicherung), oder nur einzelne bei Bedarf/bei Verdacht, überwacht.
Dann gibt es Länder wie die Türkei und Russland, die regierungskritische und generell unangenehme Bürger überwachen, um allfällige Umstürzler und sonstige Oppositionelle möglichst rasch neutralisieren zu können. Informationen über Personen, vorallem private Informationen, werden in diesem Fall also bereits missbraucht, um Macht auszuüben, respektive um an der Macht zu bleiben oder sie gar auszubauen.
Zur noch übleren Sorte gehören Länder wie Nordkorea, in denen die Bevölkerung strengstens überwacht wird und gar keine Opposition mehr drin liegt.

Einfach gesagt: Überwachung von Bürgern schafft Unmengen von Daten, die manuell oder mit Algorithmen geordnet, gefiltert und untereinander in Verbindung gebracht werden können. Werden diese Informationen für Repressionen und zur Einschüchterung missbraucht, dann stellt die Überwachung das ultimative Machtinstrument dar und wird für den Bürger brandgefährlich.

Man vergisst, dass die Überwachung nicht immer nur direkt vom Staat ausgeht. Wie damals in der DDR oder in den USA während der McCarthy Ära ist es auch heute in gewissen „zivilisierten“ Orten üblich, dass man vom Nachbar denunziert wird. «So kön­nen in Lon­don »besorgte Nach­barn« auf einem eigens ein­ge­rich­te­ten Kanal die Bil­der von Über­wa­chungs­ka­me­ras beob­ach­ten und »auf­fäl­lige Ver­hal­tens­wei­sen« an die Obrig­keit mel­den.» (fuereinebesserewelt.info). So ähnlich handhaben das auch die Bewohner des Städtchens Lancaster in Pennsylvania USA, wo man sich freiwillig melden kann, Überwachungskameras (CCTV’s) zu überwachen.

Um auf meine anfangs gestellten Frage und damit auf den Ausblick zu kommen, möchte ich darauf hinweisen, dass die grössten Datensammler nicht staatliche Organisationen sind (mal abgesehen von NSA usw., die bekanntermassen über das Ziel hinaus schiessen und einfach mal ALLES sammeln), sondern private Unternehmen wie Google, Facebook, Apple, Samsung etc., deren Dienstleistungen die meisten von uns nicht mehr in ihrem Alltag missen möchten. „Klar, weiss ja jeder“, könnte eine mögliche Reaktion von Ihnen, lieber Leser, sein. Ich möchte anhand eines Beispieltages trotzdem noch mal kurz die Situation vergegenwärtigen:

  • Morgens um 6 Uhr läutet der Wecker des Mobiltelefons. Als erstes liest man gleich die am späten Abend zuvor eingetroffenen Nachrichten auf WhatsApp.
    -> WhatsApp registriert, dass man Frühaufsteher ist.
  • Im Kühlschrank holt man sich eine Flasche Spezial-Bier heraus, die man sich dann am Abend am See gönnen möchte. Der Kühlschrank – top modern – bestellt automatisch Nachschub.
    -> Online-Store registriert, dass der Kunde am Morgen früh vermutlich schon Bier trinkt.
  • Das Mobiltelefon ist der ganze Tag eingeschaltet.
    -> Jede Bewegung (von Zelle zu Zelle, von Wlan zu Wlan) wird von den Telko’s registriert.
  • Über Mittag besucht man, wie jede Woche, den Physiotherapeuten. Er befindet sich am gleichen Ort wie eine grosse psychiatrische Gemeinschaftspraxis
    -> Was ziehen allfällige Auswerter der Mobile-Daten daraus für Schlüsse?
  • Unterwegs wird man von 15 Überwachungskameras aufgenommen – teils private, teils staatliche, teils solche von Geschäften, wie diejenige im Gang zum Physiotherapeuten.
    -> Bei einem Abgleich aller Kameras kann ein genauer Weg abgebildet werden, den man zu Fuss genommen hat.
  • Bargeldbezug am Bancomat, anschliessend Auto tanken und mit EC-Karte bezahlen.
    -> Finanzinstitute (und vielleicht auch der Bancomat-Hersteller?) wissen, wann, wo und wieviel Geld man abhebt und in welchen Läden man mit der EC-Karte bezahlt.
  • Am Nachmittag hat man einen Geschäftstermin irgendwo in der Innerschweiz. Das Navi-Gerät im Auto führt einem zum Ziel und sendet die Daten zum Karten-Anbieter, der dann „im Gegenzug“ Stauinformationen sendet.
    -> TomTom et al. kennen unsere eingegebenen Fahrziele.
  • Um nicht ständig von Werbetreibenden und anderen Portalen getrackt zu werden, löscht man immer 1x am Tag die Cookies im Browser.
    -> Man vergisst, dass dies nicht viel nützt (Canvas Fingerprinting).
  • Man ist bei Google nur angemeldet, wenn es unbedingt nötig ist, damit sie keine Suchanfragen und den Verlauf besuchter Websites speichern.
    -> Nützt nicht viel, siehe vorherigen Punkt.
  • Ab und zu checkt man Facebook, gibt mal ein Status durch oder lädt ein Bild hoch.
    -> Facebook hat quasi gratis ein ganzes „Tagebuch“ über einem. Die aktiv geteilten Inhalte sind nur ein Teil davon. Sie werden ergänzt durch Metadaten:

    • Geolocation der aufgenommenen Bilder
    • der eigene Standort
    • die benutzten Wörter und Emojis lassen Rückschlüsse auf die psychische Verfassung zu
    • es werden die Themen der angeklickten News-Meldungen analysiert
    • Die Verweildauer beim Betrachten unterschiedlicher Bilder von unterschiedlichen Facebook-Freunden wird gespeichert
  • Spät am Abend klickt man auf einen Link in einer E-Mail, die von der Kreditkarteninstitut zu sein scheint und vorgibt, dass eine Zahlung nicht ausgelöst werden konnte. Dabei wird ein Trojaner auf den privaten Laptop geschleust, der fortan unbemerkt Inhalte von Worddokumenten und PDF analysiert und an eine Stelle in Afrika geschickt.
    -> Dort werden die Daten an Dritte verkauft – natürlich nicht unbedingt anonymisiert. Je nach Brisanz der Information folgt eine Erpressung.

Die Liste liesse sich noch lange weiterführen. Besonders erwähnen möchte ich noch die rasante Entwicklung des „Web of Things“ (2008 waren erstmals mehr Geräte als es Menschen gibt am Internet angeschlossen) – die Vernetzung der Personen und vorallem der Objekte, die sie benutzen, schreitet unaufhaltsam voran.

Es sollte mit meinem obigen Beispiel jedenfalls klar sein, auf was ich hinaus will. Die Daten sind an verschiedenen Orten abgelegt und einzeln betrachtet selten wirklich spannend. Doch was, wenn sich Unternehmen zukünftig noch mehr zusammen tun, ihre Daten austauschen und beginnen, Verknüpfungen herzustellen und Schlussfolgerungen zu ziehen? Dann hat man plötzlich ein sehr genaues Bild über Vorlieben/Abneigungen, Charaktereigeschaften, finanzielle Möglichkeiten. Und: man kann die Daten einer Person zuordnen! Die Mittel zur Macht sind dann im Besitz einiger wenigen Grosskonzerne. Wäre der Gedanke dann abwegig, dass unsere gewählten Volksvertreter (Regierung) allenfalls nur noch Marionetten grosser Konzerne sind, die ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen, und denen es nicht mehr um das Allgemeinwohl geht?

Solange jede einzelne Person, die mit dem Internet in Berührung kommt (was grundsätzlich für jede Person gilt, ausser sie gehört zu einem Naturvolk), nicht versteht, was technisch im Hintergrund geschieht und nicht weiss, welche Daten auf welche Server geschickt werden, kann sie nicht Herr über ihre Daten sein und muss damit leben, gewollt oder ungewollt Dinge über sich preiszugeben. Da diese Bedingung illusorisch ist wird es auch in Zukunft so sein, dass es eine Kontrolle darüber, was mit seiner digitalen Datenspur geschieht, nicht gibt. Und so etwas wie ein Widerrufsrecht schon gar nicht.

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